Wie eine vergessene osmanische Erzählkunst in Berlin wieder aufblüht
Irmtraut BeckerWie eine vergessene osmanische Erzählkunst in Berlin wieder aufblüht
Eine jahrhundertealte osmanische Erzählkunst findet in Berlin eine neue Bühne
Neslihan Arol hat mit Meddah – einer jahrhundertealten Performance-Kunst – das Bavul Café in Kreuzberg zum Leben erweckt. Ihr mitreißender Auftritt verband Humor, Politik und mehrere Sprachen und hauchte damit einer uralten Tradition neuen Atem ein.
Zum Abschluss des Abends blies sie eine Kerze aus – ein Symbol für das Ende ihrer Geschichten und zugleich die Hoffnung auf eine Rückkehr mit neuen Erzählungen.
Die Wurzeln des Meddah reichen bis in schamanistische Traditionen Zentralasiens zurück. Im Laufe der Zeit prägten islamische Einflüsse daraus eine einzigartige Theaterform. Während des Osmanischen Reiches diente es dazu, Geschichten zu verbreiten, bedeutende Persönlichkeiten zu preisen und mündliche Überlieferungen am Leben zu halten. Neben dem Schattenpuppenspiel Karagöz war es eine der wichtigsten Formen der öffentlichen Unterhaltung.
Neslihan Arols Weg zum Meddah war alles andere als geradlinig. Zunächst studierte sie Chemieingenieurwesen, wechselte dann aber zur Schauspielerei. Ein Master in Theater führte sie zur Erforschung des Clownspiels aus feministischer Perspektive. Frustriert über die mangelnden komischen Rollen für Frauen im klassischen Theater, entdeckte sie im Meddah einen Raum, in dem sich Humor und Politik verbinden ließen.
Ihr Auftritt in Berlin war alles andere als traditionell. Sie verwebte Türkisch, Deutsch und andere Sprachen, nutzte Witz, um Normen herauszufordern, und machte aus einer kleinen Teelichtkerze ein Symbol – für Wärme, Opferbereitschaft und die Rolle der Künstlerin, die die Gemeinschaft erleuchtet. Die Flamme, erklärte sie, stehe für die Menschlichkeit der Erzählenden: Sie brennt hell, um andere zusammenzubringen.
Das Auslöschen der Kerze markierte das Ende des Abends, aber nicht das Ende der Tradition. Arols Arbeit zeigt, wie uralte Künste sich in modernen Städten neu erfinden können. Indem sie Altes und Neues verbindet, hält sie den Meddah am Leben – eine Geschichte, ein Lachen und eine Kerze nach der anderen.






